Ein Tag voller Spaß und wichtiger Erkenntnisse

Gestern war mal wieder ein ereignisreicher Samstag. Obwohl Wochenende war, bin ich früh aufgestanden, um einem Freund von mir bei einem Tag Rugbyturnier zu helfen. Wenn ihr mehr über Tag Rugby erfahren wollt könnt ihr gerne hier: Tag Rugby Trust mehr darüber lesen. In Livingstone gibt es auf jeden Fall vier Community Clubs in denen Rugby trainiert wird und diese Mannschaften kamen am Samstag zusammen, um das erste Spiel der aktuellen League zu spielen. Die Mannschaften bestehen aus Kids zwischen 5 und 14 Jahren. Außerdem ist Tag Rugby dadurch einzigartig, dass Mädchen und Jungs gemeinsam in einem Team spielen. So lernen sie nicht nur ohne Vorurteile miteinander umzugehen, sondern auch die Stärken aller Spieler gemeinsam zu nutzen. Ein Team bestand am Samstag also aus 4 Mädchen und 4 Jungs.

Bevor ich von meinem gestrigen Tag erzähle, muss ich wohl etwas ausholen, um alles genauer zu erklären. Und zwar habe ich meine letzten Samstagnachmittage meist damit verbracht, beim Tag Rugby Training zuzugucken. Nach dem Training quatsche ich dann auch meist noch ein wenig mit den Mädels, um mehr über ihr Leben und was ihnen der Sport bedeutet, zu erfahren. Dabei wird mir jedes Mal wieder bewusst, wie wichtig Sport für die Kids hier ist und wie sehr er ihnen hilft alle Probleme von zu Hause zu vergessen.
In Livingstone gibt es insgesamt vier Community Clubs in denen Rugby trainiert wird und diese Mannschaften kamen am Samstag zusammen, um das erste Spiel der aktuellen League zu spielen. Beim Tag Rugby können Jungs und Mädchen ohne Probleme zusammenspielen, denn im Gegensatz zum normalen Rugby, tragen alle Spieler einen Klettverschluss Gürtel mit zwei Bändern dran, wenn ein gegnerischer Spieler eines der Bänder abreißt, muss man stehen bleiben und den Ball, wie beim normalen Rugby, nach hinten passen. Der körperliche Part des Rugby Spiels wird also komplett rausgenommen, sodass Mädchen und Jungs problemlos zusammen spielen können. Ich finde diese Idee vor allem in einem Land wie Sambia sehr schön und auch sehr wichtig, da die Gesellschaft im Alltag, hier noch sehr weit weg von einer Geschlechtergleichstellung ist und die Kinder so lernen, dass alle gleich sind und auch Jungs und Mädchen in einem Team gemeinsam stark sein können.
Alle Teams haben gegen alle anderen gespielt und diejenigen, die gerade nicht gespielt haben, haben angefeuert. Denn Fairness und teamplay wird hier sehr großgeschrieben. Es wird nicht nur sehr viel wert darauf gelegt, dass alle Spieler sich am Ende die Hand geben, darüber hinaus gibt es sogar Punkte für faires Verhalten. Insgesamt gibt es während der League nämlich drei Kategorien in denen bewertet wird: 1. Die Spiele, für jeden Sieg gibt es Punkte, 2. Faires Verhalten, das Team, welches sich besonders gut während der League verhalten hat bekommt Punkte und 3. Community work, die Teams können außerhalb der League Punkte sammeln, in dem sie etwas gutes für ihre Community tun (zB Müll aufsammeln). Nach jedem Turnier bekommen die Kinder außerdem etwas zu essen und zu trinken. Was die Kinder sich nach diesen Spielen, in die sie deutlich all ihre Kraft und Leidenschaft gelegt haben, auch verdient haben. Vor allem unter dem Aspekt, dass einige von ihnen sich meist keine 3 Mahlzeiten am Tag leisten können, bekommt dies auch nochmal eine ganz andere Gewichtigkeit.
Doch während des Spielens konnten sie wieder mal für ein paar Stunden alles andere vergessen und haben sich nur darauf konzentriert den Ball hinter der Linie abzulegen. Das Turnier war sehr gelungen und alle hatten sichtlich Spaß. Als der Organisator mich danach gefragt hat, welche Verbesserungsvorschläge ich habe, ist mir nur eine Sache eingefallen: Ich fände es extrem schön, wenn die Eltern der Kinder das nächste Mal dabei wären, um zu sehen, was ihre Kinder hier überhaupt leisten. Denn im Gegensatz zum Sport in Deutschland, wird der hier nicht wirklich von den Eltern unterstützt oder überhaupt gesehen. Ich bin mir allerdings sicher, dass die Eltern extrem stolz wären, wenn sie sehen würden, was für talentierte Kinder sie haben.
Auch der Organisator fand meinen Einwand sehr gut und fürs nächste Mal werden wir versuchen Elternbriefe an alle zu verteilen und so vielleicht zumindest ein paar dazu bringen, zu zu sehen.

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Tag Rugby

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Jungs und Mädchen spielen zusammen Tag Rugby

 

Nachdem alle Kinder weg waren, haben wir nur eine kurze Pause eingelegt, um dann gleich weiter zu machen, da am Nachmittag schon das Nächste Event anstand. Gemeinsam mit einigen Rugby Jungs haben wir ein einen Parcour für einen Fitnesslauf aufgebaut. Dafür wurde unteranderem ein Loch in das Volleyballfeld gegraben, ein Moskitonetz über dem Boden aufgespannt, Sandsäcke gefüllt und gestapelt und Baumstämme gehackt. Alles wurde dann zu einem Hindernisparcours aufgebaut.
Auch wenn leider nicht so viele Kinder kamen wie erhofft, hatten doch alle die da waren eine Menge Spaß und zum Leid der Eltern, war die Matschgrube eindeutig das beliebteste Hindernis, in dem auch nach dem Lauf noch freudig getobt wurde.
Zum Ende wurden alle Kids mit dem Gartenschlauch wieder halbwegs sauber gemacht, sodass wir sie guten Gewissens wieder mit den Eltern nach Hause schicken konnten.

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Fun Fitness Run

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Als alle weg waren, hat der Coach des Rugby Teams, der auch den Lauf veranstaltet hat nochmal alle Jungs zusammen gerufen, um sich bei Ihnen für die freiwilligen Hilfe zu bedanken und hat Ihnen außerdem davon erzählt, dass er für 5 von Ihnen ab Montag einen einwöchigen Job hätte und obwohl er mir vorher schon erzählt hatte, dass alle diesen Job (bei dem sie am ende der Woche ca. 15 Euro verdienen würden) machen wollen würden, war ich trotzdem schockiert, als alle sofort ihre Hand hochgestreckt haben. Die Jungs, bei denen es sich die Eltern leisten können, gehen alle noch zur Schule und trotzdem würden sie so gern für 3 Euro am Nachmittag noch arbeiten. Diese Erkenntnis hat mich in dem Moment so sehr geschockt, dass ich das erste Mal Tränen in den Augen hatte und auch jetzt noch, wenn ich darüber schreibe, kommen mir die Tränen.
Ich glaube ich kenne niemanden, der sich in Deutschland auch nur für einen Job interessieren würde, bei dem man 3 Euro pro halben Tag verdient und die Jungs haben nicht ein mal gefragt, was sie machen müssen und würde es alle gerne machen.
Ich glaube mich hat diese Erkenntnis auch deshalb so sehr getroffen, weil ich die Jungs bis dahin meist nur Rugby habe spielen sehen und dabei ist es ihnen natürlich nicht auf die Stirn geschrieben, aus welchen Umständen sie kommen. Natürlich sieht man, dass einige sehr wenig Essen, trotzdem haben ich sie bis dahin einfach als rugbyspielende Jungs gesehen, die teilweise sogar eigene Teams trainieren und immer voller Freude und Motivation dabei sind und nie wirklich darüber nachgedacht, wie ihr Leben wohl außerhalb vom Sport aussieht.
Ich weiß nicht, ob das vielleicht alles etwas wirr war, aber ich hoffe, dass einigermaßen rüber gekommen ist, welche Erkenntnis ich gestern gemacht habe.
Um es nochmal kurz zusammenzufassen: Mir ist gestern nochmal mehr bewusst geworden, wie wichtig unsere Arbeit hier ist und wie viel Sport diesen Kindern geben kann. Sie lernen dabei sehr viele Werte, von Fairplay über Verantwortungsbewusstsein bis hin zu Teamfähigkeit, abgesehen davon bedeutet der Sport aber vor allem ein paar Stunden frei sein, frei von Gedanken an zu Hause, frei von Problemen und einfach nur Spaß haben und Spielen, sich auspowern und dabei ganz viel lernen.

Ich hoffe, dass euch der etwas andere Blogeintrag, mit Einblicken in meine Gedankenwelt hier gefallen hat und das auch ihr etwas davon mitnehmen könnt. Versucht doch mal wieder all die schönen und vielleicht auch alltäglichen Momente wertzuschätzen, die manchmal in all der Arbeit, dem Stress und dem Überangebot in Deutschland untergehen.

Liebe Grüße aus Sambia
Michelle